Humboldt-Universität zu Berlin - Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie

Forschung

Vincent August

 

Forschungsbereiche


 

Allgemein:

  • Politische Theorie und Gesellschaftstheorie
  • Wissenssoziologie und Ideengeschichte (critical conceptual analysis)
  • Politische Soziologie und Interpretive Public Policy
  • Konfliktsoziologie

 

Spezifisch:

Konflikt und Kohäsion:
Konflikttheorien | sozialer Zusammenhalt und Solidarität | soziale Kontrolle | Deutungskonflikte | agonale Demokratietheorien
Regieren - Theorie, Praxis, Kritik:
Governance und Steuerung | Souveränität | (Neo-)Liberalismus | Republikanismus | Transformation von Staat und Regierung
Technologie und Gesellschaft:
Genealogie technologischen und ökologischen Wissens | Regierung der Digitalisierung | Technokratie | Kybernetik, Systemtheorie, Netzwerk-Theorien
Transparenz  und Öffentlichkeit:
Normen, Funktion und Folgen von Transparenz | Modelle von Öffentlichkeit | Narrative und Performativität

 

 

Liste der Forschungsprojekte:

Konflikt und Kohäsion: Eine Theorie spätmoderner Konflikte | Narrative und Rationalitäten der Digitalisierung |  Technologisches Regieren: Die kybernetische Transformation von Politik und GesellschaftTheorie und Praxis der Transparenz

 

 

Konflikt und Kohäsion: Eine Theorie spätmoderner Konflikte (2020-)


 

Die westlichen Demokratien sind gespaltene Gesellschaften. Diese Diagnose ist allgegenwärtig. Dabei scheint es viele Gräben zu geben: zwischen arm und reich, Ost und West, Modernisierungsgewinnern und -verlierern, Kommunitaristinnen und Kosmopolitinnen. Als Reaktion darauf verbreitet sich nicht nur die Sorge um den sozialen Zusammenhalt, sondern auch der Ruf nach mehr Solidarität. Aber die spätmoderne Gesellschaft wird auf eine solche gesamtgesellschaftliche Solidarität nicht setzen können, denn sie produziert neue Konfliktlinien und generiert so die anstrengenden Konflikte, die uns zur Diagnose der gespaltenen Gesellschaft verleiten. Das Forschungsprojekt will jenseits von Solidaritätshoffnungen und Untergangsdiagnosen eine empirisch fundierte Konflikttheorie für die spätmoderne Gesellschaft ausarbeiten. Dazu müssen drei Dinge geleistet werden:

Erstens: Gesellschaftstheorie der Konflikte. Hier geht es darum, den Aufstieg der dominierenden Konfliktfelder - ökonomische Ungleichheit, Migration, Rassismus, Gender, Klima - aus der gesellschaftlichen Entwicklung der Spätmoderne heraus zu erklären. Die These ist, dass die Prominenz bestimmter gesellschaftlicher Konflikte im Strukturwandel der Spätmoderne angelegt ist. Sie unterläuft bisherige Deutungsmuster und die damit einhergehenden Ansprüche, Praktiken und Institutionen so, dass Auseinandersetzungen über das Selbstverständnis dieser Gesellschaft entstehen, die wir als Konflikte wahrnehmen.

Zweitens: Praktiken der Integration durch Konflikt. Wenn es zutrifft, dass die spätmoderne Gesellschaft neue Konflikte provoziert, dann wird man nicht mehr sinnvoll auf eine gesamtgesellschaftliche Solidarität hoffen können. Die Frage ist vielmehr: Wie können Problemlösungskapazitäten und sozialer Zusammenhalt unter den Bedingungen scharfer Konflikte organisiert werden? Dieser Frage nach einer Konfliktkultur soll mithilfe einer neuen Konflikttheorie nachgegangen werden, um konkrete, alternative Praktiken der Konfliktregulation empirisch fundiert zu erkunden.

Drittens: Wiederbelebung der Konflikttheorie. Daher wird es schließlich notwendig, die gegenwärtigen Konflikte in einer Theorie der Konflikte zu verorten. Welche Konfliktmodi lassen sich unterscheiden? Welche Rolle spielt die Konfliktdeutung der Akteure für ihren Umgang mit Konflikten? Und welchen Einfluss hat der Verlauf von Konfliktinteraktionen auf ihre sozialen und sachlichen Ergebnisse? Um solche Fragen zur Vergesellschaftung durch Konflikt zu beantworten, zielt das Projekt darauf ab, Erkenntnisse aus der abgerissenen Tradition soziologischer Konflikttheorien, der konfliktiven Demokratietheorien und der Sozialpsychologie zusammenzuführen.

 

 

Zwischenergebnisse

  • im Erscheinen: "Solidarität: Dynamiken und Konstellationen in der Spätmoderne", in: Otto Brenner Stiftung (Hg.): Welche Arbeit machen wir? Zur Zukunft von Wirtschaft, Natur und Kultur.
  • eingereichtes Paper: "Understanding democratic conflicts: The failure of agonistic theory"
  • Vortrag über Konflikttheorie auf der Tagung "Agonale Politiktheorie", Wissenschaftskolleg Greifswald, Organisatorinnen: Grit Straßenberger, Rieke Trimcev
  • ein Artikel über Demokratie bei Richard Sennett, der Republikanismus und Soziologie ins Gespräch bringt (erschienen in Stephan Lorenz (Hg.): In Gesellschaft Richard Sennetts. Bielefeld: transcript 2021, S. 83-102).
  • Gegen Solidarität! Zwei Modelle sozialen Zusammenhalts und die Corona-Krise. In: Theorieblog, 23.04.2020.* (wiederveröffentlicht im Blog des BMBF-Forschungsprojektes "Praktiken der Solidarität")

 

Wissenschaftskommunikation

 

Narrative und Rationalitäten der Digitalisierung: Critical Conceptual Analysis (2020-)


 

Mit jeder neuen Welle der Digitalisierung kamen utopische und dystopische Erzählungen über ihre Folgen für die Gesellschaft auf, begonnen bei der Verbreitung des Internets Anfang der 1990er über Web 2.0 und Smart Cities bis zur aktuellen Debatte über Künstlichen Intelligenz. Die Digitalisierungsforschung ist von solchen Narrativen nicht frei. Dennoch hat sich in den letzten Jahren auch die Vorstellung etabliert, dass die Digitalisierung "Affordanzen" für ganz unterschiedliche Entwicklungspfade bietet. Um diese Entwicklungspfade auszuleuchten, braucht die Digitalisierungsforschung einen Ansatz, der sich den Vorstellungswelten der Akteure und den daraus abgeleiteten Praktiken und Policies widmet.

In dem Forschungsprojekt wird ein solcher interpretativer Ansatz entwickelt. Er untersucht die "Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata" (Bourdieu) der Akteure in Digitalisierungsfeldern und stellt so die unterschiedlichen Visionen einer digitalen Gesellschaft zur Diskussion. Die Aufgabe des Projekts besteht also zum einen darin, eine Methodologie zu skizzieren, die solche Paradigmen freilegen, miteinander vergleichen und historisieren kann. Diesen Ansatz nenne ich Critical Conceptual Analysis. Zum anderen soll dieser Ansatz in Fallstudien erprobt werden. Erschienen ist bereits ein Paper über Netzwerk-Ideen und den Einfluss der kybernetischen Wissensordnung auf Digitalisierungspolitik und -forschung. Zusätzlich werden in Zusammenarbeit mit dem Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft aktuell ein Workshop und ein Paper über digitale Souveränität geplant.

Insgesamt soll das Forschungsprojekt der Digitalisierungsforschung so eine neuen Zugang zu den konkurrierenden Wissensordnungen und Zukunftsentwürfen in der Netzwerk-Gesellschaft liefern. Sie kann dadurch einen systematischen Überblick und eine historisch-kritische Reflexion der Wissens- und Regierungsformen gewinnen. Für die politische Debatte werden so erst die unterschiedlichen Wege in die digitale Gesellschaft sichtbar. Gleichzeitig müssen aber auch die Narrative der Digitalisierungsforschung selbst in diesen Wissensordnungen verortet werden. Auf diese Weise wird die methodologische Reflexivität der Forschung gesteigert.

 

Zwischenergebnisse:

 

 

Technologisches Regieren: Die kybernetische Transformation von Politik und Gesellschaft (2014-2021)



Wir leben in einer Welt, in der alles vernetzt ist. Auch Politik und Gesellschaft werden immer mehr in den Begrifflichkeiten des Netzwerks beschrieben. Mein Dissertationsprojekt geht diesem neuen Paradigma auf den Grund: Woher kommt das Netzwerk-Denken? Welche Merkmale hat es? Und welche Macht-Effekte produziert es?


Ich zeige, dass die Kybernetik Wahrnehmungs- und Denkmuster zur Verfügung stellte, mit denen Politik und Gesellschaft umgeformt werden konnten, nachdem die klassischen Konzeptionen in den Staats- und Modernekrisen zusammenbrachen. Dafür untersuche ich insbesondere Foucault und Luhmann, Gouvernementalitäts- und Governance-Theorien als Fälle technologischen Regierungsdenkens.


Dissertation (summa cum laude):

Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik

Gutachten:  Prof. Dr. Herfried Münkler, Prof. Dr. Hartmut Rosa, Prof. Dr. Silvia von Steinsdorff; Einreichung 11/2018, Disputation 09/2019

 

Aufsätze

 

Akademische und öffentliche Vorträge

  • Digitalisierung und Demokratie (u.a. bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Center for Advanced Internet Studies)

  • The Rise of Network Ideas: from Cybernetics to Network Governance (zum Nachhören).

  • Die große Transformation: Technologische und neoliberale Staatskritik

  • Kybernetik und die Krise der Moderne. Zur Genese eines technologischen Regierungs­denkens

 

 

Theorie und Praxis der Transparenz (2012-2019)



Transparenz ist in den letzten Jahren zu einer Allzweckwaffe geworden: Sie gilt als Lösung für fast jedes politisches Problem und kaum eine Organisation kommt darum herum, sich auf Transparenz zu verpflichten. Seit 2012 gehe ich diesem Transparenz-Imperativ nach. Das Projekt begann mit einer Studie zur Entstehung der politischen Transparenz-Idee, die ich dann in Fallstudien bis in unsere Gegenwart nachverfolgt habe. Daneben vergleiche ich die normativen Ansätze und die empirischen Forschungen zur Transparenz und führe sie zusammen. Dabei begleite und berate ich auch Forschungsprojekte zum Thema.

 

Auf diese Weise entwickele ich derzeit eine Theorie der Transparenz. Sie legt systematisch die politische Rationalität der Transparenz frei, die das Soziale nach einem bestimmten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster ordnet; sie zeigt historisch die Einsatzpunkte für gesellschaftliche Transparenzforderungen und evaluiert die Leistungen und nichtintendierten Effekte von Transparenzpraktiken.

 

Ausgewählte Publikationen zu dem Projekt

 

Wissenschaftskommunikation


Postanschrift

 

Sitz

Humboldt-Universität zu Berlin
Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
10099 Berlin

 

 

Institut für Sozialwissenschaften
Universitätsstraße 3b
10117 Berlin

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